Ein Gespräch über die Mechanik des Kaffeemarkts, den späten Sprung in die Selbstständigkeit und den Versuch, eine Branche fairer zu gestalten.
Host: Dr. Roger Gothmann
Co-Founder & CEO von TAXDOO
Was passiert, wenn ein erfahrener Kaffeeexperte nach mehr als zwei Jahrzehnten in einem etablierten Konzern noch einmal ganz neu anfängt? Volker Meyer-Lücke, langjähriger Prokurist bei Dallmayr und heute Mitgründer und CEO von ALRIGHTY, hat genau diesen Schritt gewagt – mit 57. In der aktuellen Folge von Skin in the Game spricht er mit Host Dr. Roger Gothmann über die Mechanik eines volatilen Rohstoffmarkts, die Realität hinter dem Begriff Nachhaltigkeit und den persönlichen Preis einer Gründung.
Sechs Euro für einen Americano bei Starbucks – wer bekommt davon eigentlich was ab? Meyer-Lücke macht klar, dass eine pauschale Antwort kaum möglich ist: Zu unterschiedlich sind die Kanäle (Gastronomie vs. Lebensmitteleinzelhandel), die Strukturen in den Erzeugerländern und die Anteile, die Spediteure, Röster, Händler und Staat für sich beanspruchen.
Ein Faktor, den die wenigsten Konsumenten auf dem Schirm haben: die deutsche Kaffeesteuer. Sie geht zurück auf Friedrich den Großen und liegt heute bei 2,19 Euro pro Kilo Röstkaffee – kein zu vernachlässigender Posten in der Kalkulation. Bei einem Produkt aus dem Supermarktregal landen nach Meyer-Lückes Schätzung gut 30 Prozent oder mehr im Kaffeeursprung. Wie viel davon tatsächlich beim Farmer ankommt und wie viel beim Exporteur hängt stark vom jeweiligen Land ab. Das verbreitete Narrativ vom „armen Kaffeebauern und der reichen Industrie“ hat einen wahren Kern – aber die Wahrheit ist differenzierter.
In den letzten zwei Jahren ist der Kaffeepreis explosionsartig gestiegen – ähnlich wie bei Kakao. Meyer-Lücke ist überzeugt, dass es sich dabei nicht um eine temporäre Anomalie handelt. Die Gründe sind strukturell:
Das Angebot wächst nicht mit der Nachfrage. Der Klimawandel reduziert in vielen Anbauregionen die Erträge. Gleichzeitig steigt die Weltbevölkerung, und Kaffee wird weltweit getrunken – mit unterschiedlichen Zubereitungsgewohnheiten, aber überall. Eine Plantage lässt sich zudem nicht kurzfristig „aus dem Boden stampfen“. Während Brasilien als größter Produzent mit hochprofessionellen Methoden arbeitet, gäbe es vor allem in Afrika erhebliches Potenzial: Bessere Schnitt- und Anbautechniken, einfache Maßnahmen wie das Jäten von Unkraut, mehr Know-how-Transfer – all das könnte die Produktivität auf bestehender Fläche deutlich erhöhen. Bislang passiert das nur in begrenztem Umfang.
Meyer-Lücke war über 20 Mal in Äthiopien – einem Land, das er fast als zweite Heimat bezeichnet. Äthiopien gilt als Ursprung des Arabica-Kaffees und besitzt eine über Jahrhunderte gewachsene Kaffeekultur. Anders als in Deutschland kaufen Äthiopier:innen meist Rohkaffee, den sie zuhause selbst rösten und in Gesellschaft zelebrieren.
Eine Beobachtung, die er aus seinen Reisen mitgebracht hat: In äthiopischen Supermärkten kostete ein Kilo Rohkaffee mehrheitlich mehr als ein Kilo Röstkaffee im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Eine Anomalie, die sich logisch eigentlich nicht erklären lässt – schließlich muss der Kaffee, der hier im Regal steht, transportiert, gelagert, geröstet und distribuiert werden. Jeder in dieser Kette möchte verdienen.
Die Erklärung liegt in der Rolle, die Kaffee im deutschen Handel spielt: Er ist das Frequenzprodukt schlechthin. Mit keinem anderen Produkt lockt der Lebensmittelhandel mehr Menschen in den Laden – entsprechend aggressiv wird der Preis gestaltet. Kaffee als Lockangebot, dessen tatsächliche Marge an anderer Stelle im Einkaufswagen verdient wird.
Für ALRIGHTY ist der LEH aktuell nicht die strategische erste Priorität – und dafür gibt es gute Gründe. Im Regal misst man sich direkt mit Wettbewerbern, ohne die Möglichkeit, die DNA und Philosophie hinter dem Produkt zu erklären. In der Gastronomie oder im B2B-Geschäft ist das anders: Dort wird Kaffee oft als Visitenkarte verstanden, dort lassen sich Geschichten erzählen.
Hinzu kommt das Risiko, sich als junge, wenig bekannte Marke im Regal nicht zu „drehen“ – also zu wenig zu verkaufen, um gelistet zu bleiben. Der Discount-getriebene Lebensmittelhandel ist im Übrigen ein sehr deutsches Phänomen, das zwar exportiert wurde, aber in dieser Härte etwa in Frankreich oder Italien historisch nicht zu finden war.
Positiv beobachtet Meyer-Lücke gleichzeitig: In den letzten Jahren ist das Qualitätsbewusstsein für Kaffee außerhalb des klassischen LEH gewachsen. Auch Nachhaltigkeit spielt eine zunehmend größere Rolle – wenngleich er hier ehrlich ist: Mit dem politischen Klimawandel auf EU-Ebene ist das Thema in der Priorität spürbar zurückgerutscht.
Für Endkonsumenten ist Qualität schwer greifbar – oft dient der Preis als einziger Indikator. Meyer-Lücke selbst trennt zwei Dimensionen: Was in der Tasse ankommt, und wie das Produkt produziert wurde. Beides gehört für ihn untrennbar zusammen.
In der Bewertung professioneller Kaffeeverkostung gibt es drei Hauptkriterien: Körper (das Mundgefühl), Säure (in einer hohen Bandbreite, oft missverstanden – sie steht für Lebendigkeit) und Aroma (das eigentlich nicht geschmeckt, sondern retronasal wahrgenommen wird). Hochgewachsene Kaffees mit langsamem Wachstum entwickeln eine höhere Aromenkomplexität.
Eine entscheidende Schwierigkeit: Anders als beim Wein, der so in die Flasche kommt, wie er getrunken wird, stellt sich beim Rohkaffee immer noch die Frage nach der Verwendung – Espresso, Filter, Crema-Kaffee. Wird der Kaffee in Finnland oder in Griechenland verkauft? All das verändert, wie eine Bohne sinnvoll eingesetzt wird. Kaffee zu kreieren ist ein kreativer Prozess.
Konsumenten erwarten gleichbleibenden Geschmack zu stabilen Preisen. Der Rohstoffmarkt liefert das Gegenteil. Hedging ist ein gängiges Instrument, doch das aktuelle Problem geht tiefer: Die Marktstruktur hat sich gedreht – von einem klassischen Cash-and-Carry-Markt hin zu einer sogenannten Inversen Marktstruktur. Verfügbarkeiten vor Ort sind schwierig, die Planung muss langfristiger werden. Wer im Erntefenster nicht zuschlägt, muss bis zum nächsten Jahr warten.
Ein Blick auf die Größenordnungen: Weltweit werden jährlich rund 170 Millionen Sack Kaffee à 60 Kilo produziert. An den beiden großen Kaffeebörsen – London und vor allem New York – werden jedoch ein Vielfaches davon gehandelt, in Meyer-Lückes Wahrnehmung etwa 4,5 Milliarden Sack. Dieses Delta ist überwiegend spekulativ. Hauptakteure sind Investmentfonds und Indexfonds, nicht Röster oder Exporteure. Schätzungen zufolge repräsentieren diese Akteure rund 85 Prozent des Handelsvolumens.
22 Jahre Dallmayr – ein Konzern, an dem Nestlé zeitweise beteiligt war. In dieser Welt war Meyer-Lücke gewohnt, in einer bestimmten Größenordnung zu denken: Die kleinste Einheit im Rohkaffeehandel war für ihn ein Seecontainer mit 19 Tonnen. Heute ist das eine durchaus relevante Größe. Auch das eine Umstellung: Aus einer Welt etablierter Strukturen, eingespielter Routinen und definierter Planmengen plötzlich bei null anzufangen.
Was er bewusst nicht unterschätzt hatte, aber dennoch in seiner Vielfalt überrascht hat: die schiere Bandbreite an Themen, die ein Gründer plötzlich abdecken muss. ALRIGHTY ist nicht nur ein Kaffeeröster, sondern betreibt einen Standort im Münchner Werksviertel mit gastronomischem Charakter, war beim Bauprozess involviert, baut Kundenbeziehungen, Maschinenkonzepte und Beratung auf. Kaffee ist als Produkt vielfältiger, als er es aus der Konzernsicht je vermutet hätte.
Den Druck, den er dabei verspürt, beschreibt er als anders – nicht zwingend größer als zu Dallmayr-Zeiten, aber von anderer Natur. Bei Dallmayr ging er manchmal mit schlechtem Gefühl ins Bett, weil die Bewertung gehandelter Mengen am nächsten Tag dramatisch anders aussehen konnte. Heute ist es die Verantwortung für Mitarbeitende, für ein Unternehmen im Aufbau. Aber: Es gibt etwas, das diesen Druck auf der anderen Seite ausbalanciert – das Sinnstiftende, die Möglichkeit, etwas zu bewegen.
Bei ALRIGHTY gibt es insgesamt vier Geschäftsführer:innen: Daniel Rizzotti (vorher mit Meyer-Lücke bei Dallmayr, Marketing/Kreatives), Sebastian Kroth (vorher Coca-Cola, Marketing online), Karoline Kraft (Finanzen) und Volker Meyer-Lücke selbst (Einkauf, Qualität, Nachhaltigkeit). Die Heterogenität dieser Mischung empfindet er als ausdrücklich positiv – auch deshalb, weil unterschiedliche Branchenhintergründe unterschiedliche Perspektiven mitbringen.
Operative Entscheidungen werden zu viert getroffen, eher demokratisch, ohne klassischen Primus inter Pares. Strategisch greifbarere Themen gehen in die Gesellschafterversammlung – Mitgesellschafter sind unter anderem Manuel Neuer und Schirmherrin Jane Goodall steht als Gesicht hinter der Mission.
Sein wichtigstes persönliches Korrektiv ist allerdings nicht das Coaching oder ein Founder-Netzwerk, sondern seine Frau. Was die Familie betrifft, ist Meyer-Lücke offen: Eine Gründung dieser Größenordnung kostet auch das Umfeld. Dass seine Kinder zum Zeitpunkt der Gründung bereits erwachsen waren, hat den Preis reduziert – aber nicht aufgehoben. Der Entscheidungsprozess war lang und gemeinsam getroffen. Am Ende stand für ihn die Erkenntnis: Wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es immer bereuen.
Volker Meyer-Lücke ist Mitgründer und CEO von ALRIGHTY, einer Münchner Kaffeemarke, die nachhaltig und fair angebauten Spezialitätenkaffee neu positioniert. Vor der Gründung war er von 2000 bis 2022 als Prokurist bei der Alois Dallmayr Kaffee oHG tätig und verantwortete dort den Rohkaffee-Einkauf. Seine Kaffeekarriere begann 1988 bei einem Bremer Röster. Er hat über 20 Kaffee-Ursprungsländer bereist, allein Äthiopien mehr als 30 Mal. ALRIGHTY arbeitet nach einer eigens entwickelten Caretrade-Philosophie und bezieht seine Bohnen ausschließlich von „Underdog“-Farmer:innen – solchen, die jung, weiblich oder aus Afrika sind. Zu den Gesellschaftern zählen unter anderem Manuel Neuer, Schirmherrin ist die Umweltaktivistin Jane Goodall.

Was passiert, wenn ein Ex-Finanzbeamter erst den Marktführer aufbaut und ihn dann selbst abschafft? Warum tickt die Steuerberatung plötzlich wie ein Finanzmarkt und was bleibt übrig, wenn KI ins Spiel kommt? Wie erlebt ein Gründer diese Transformation persönlich und warum schreibt sonst kaum jemand darüber?
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