#2 – Produkt, Brand & Skalierung: Lena Jüngst über Air Ups Weg zur eigenen Produktkategorie
Wie aus einer Bachelorarbeit Air Up entstand – ein Unternehmen mit über zehn Millionen Kund:innen in 14+ Ländern. Lena Jüngst spricht darüber, wie Design, Psychologie und Unternehmertum gesunde Entscheidungen attraktiv machen und warum nachhaltiger Konsum neu gedacht werden muss.
PODCAST | 22.01.2026
Zur Folge
Ein Gespräch über Produktinnovation, Lifestyle-Positionierung, Gründerrollen und die Frage, wie aus einem Hype eine dauerhafte Marke wird.
Host: Dr. Roger Gothmann
Co-Founder & CEO von TAXDOO
Was braucht es, um aus einer ungewöhnlichen Produktidee ein Unternehmen mit über zehn Millionen Kundinnen und Kunden und mehr als 200 Millionen Euro Umsatz aufzubauen?
Lena Jüngst, Co-Founderin und Chief Evangelist von Air Up, hat darauf eine klare Antwort: Ein gutes Produkt allein reicht nicht. Entscheidend ist, wie es wahrgenommen wird – und ob Menschen es wirklich in ihren Alltag integrieren.
In der aktuellen Folge von Skin in the Game spricht sie mit Host Dr. Roger Gothmann darüber, wie Air Up eine neue Produktkategorie geschaffen hat, warum Lifestyle wichtiger sein kann als Funktion und weshalb Gründer ihr Produkt nie vollständig aus der Hand geben sollten.
Die Grundidee hinter Air Up ist erstaunlich simpel: Menschen sollen mehr Wasser trinken – ohne Zucker, Zusatzstoffe oder künstliche Aromen.
Das Problem dahinter ist allerdings komplexer. Obwohl Wasser das gesündeste Getränk ist, trinken viele Menschen im Alltag zu wenig davon. Der Grund liegt meist nicht am Wissen über Gesundheit, sondern am Geschmack.
Genau hier setzte das Gründerteam an. Statt Geschmack über Inhaltsstoffe zu verändern, nutzt Air Up einen Effekt aus der Wahrnehmungspsychologie: das sogenannte retronasale Riechen. Ein großer Teil dessen, was wir als Geschmack wahrnehmen, entsteht über Geruchssignale, die im Gehirn verarbeitet werden.
Die Air Up-Flasche nutzt diesen Effekt. Duft-Pods erzeugen beim Trinken einen Geschmackseindruck, obwohl das Getränk selbst weiterhin reines Wasser bleibt.
Aus einer technologischen Idee entstand so eine neue Produktkategorie – irgendwo zwischen Getränk, Lifestyle-Produkt und Gesundheitsinnovation.
Eine der wichtigsten Entscheidungen traf das Team nicht in der Produktentwicklung, sondern in der Positionierung.
Denn aus funktionaler Perspektive hätte Air Up auch als Gesundheitsprodukt vermarktet werden können. Beispielsweise für Menschen mit Diabetes oder für Konsumenten, die bewusst auf Zucker verzichten wollen.
Doch genau dagegen entschieden sich die Gründer.
Der Grund: Menschen wollen Produkte, die ihnen helfen – aber sie wollen sich nicht mit Produkten identifizieren, die Einschränkungen oder medizinische Probleme symbolisieren. Stattdessen wollen sie Dinge, die attraktiv, modern und alltagstauglich wirken.
Air Up wurde deshalb bewusst als Lifestyle-Produkt aufgebaut.
Diese Entscheidung half, Aufmerksamkeit und Begehrlichkeit zu erzeugen. Gleichzeitig bringt sie eine kommunikative Herausforderung mit sich: Wer sich als Lifestyle-Brand positioniert, muss zusätzlich erklären, warum sein Produkt mehr kann als eine normale Trinkflasche.
Dieses Spannungsfeld begleitet Air Up bis heute.
Ein besonders interessanter Effekt zeigt sich bei der Zielgruppe.
Ursprünglich richtete sich Air Up kommunikativ an Gen Z. Kinder waren zwar immer potenzielle Nutzer, standen aber nicht im Zentrum der Marketingstrategie.
Trotzdem entwickelte sich genau dort eine enorme Nachfrage.
Der Grund liegt wahrscheinlich in einem einfachen sozialen Mechanismus: Kinder wollen selten Produkte, die ausdrücklich für Kinder gemacht sind. Stattdessen orientieren sie sich an dem, was ältere oder als cool wahrgenommene Zielgruppen nutzen.
Air Up profitierte von diesem Effekt.
Die Flasche wurde in Schulen sichtbar, tauchte im Alltag von Jugendlichen auf und verbreitete sich organisch innerhalb von Freundeskreisen. Gleichzeitig bot das Produkt genügend Individualisierungsmöglichkeiten – etwa über austauschbare Pods oder Zubehör – um auch für jüngere Nutzer attraktiv zu sein.
So entwickelte sich eine Zielgruppe, die ursprünglich gar nicht aktiv angesprochen werden sollte.
Im Gespräch beschreibt Lena Jüngst Hype als eine Art erste Verliebtheit.
Innovation, Zeitgeist und Sichtbarkeit können dafür sorgen, dass ein Produkt plötzlich überall auftaucht. Doch diese Phase ist selten dauerhaft.
Der eigentliche Aufbau einer Marke beginnt erst danach.
Dann geht es nicht mehr nur um Aufmerksamkeit, sondern um langfristige Bindung. Produkte müssen relevant bleiben, sich weiterentwickeln und sich in den Alltag der Nutzer integrieren.
Gerade im Umfeld von Social Media kann ein Hype schnell entstehen, aber genauso schnell wieder verschwinden.
Für Consumer Brands wie Air Up bedeutet das: Der Übergang von Begeisterung zu echter Markenloyalität ist die eigentliche Herausforderung.
Ein zentrales Thema im Gespräch ist die Rolle der Gründer selbst.
Lena Jüngst beschreibt, wie sich ihre Rolle über die Jahre verändert hat. Zwischenzeitlich entfernte sie sich stärker vom Produkt, weil das Unternehmen wuchs und immer mehr Managementaufgaben entstanden.
Mit der Zeit stellte sie jedoch fest, dass genau diese Distanz problematisch sein kann.
Gerade wenn ein Unternehmen eine eigene Produktkategorie geschaffen hat, bleibt der direkte Kontakt zum Produkt entscheidend. Gründer haben oft ein tiefes Verständnis für Markt, Nutzer und Trends – ein Verständnis, das schwer vollständig zu delegieren ist.
Deshalb arbeitet Jüngst heute wieder bewusst näher am Produkt.
Nicht, um jede Entscheidung selbst zu treffen, sondern um an den entscheidenden Stellen den richtigen Instinkt einzubringen.
Produktentscheidungen entstehen selten rein rational.
Lange hatte Jüngst das Gefühl, dass Intuition im Business nur dann zählt, wenn sie mit Daten untermauert werden kann. Mit zunehmender Erfahrung änderte sich diese Sicht.
Denn viele Entscheidungen entstehen zunächst aus einem Bauchgefühl – das meist auf zahlreichen Beobachtungen und Erfahrungen basiert.
Gerade in innovativen Märkten gibt es oft noch keine klaren Daten. In solchen Situationen wird Prototyping besonders wichtig.
Statt Ideen endlos zu diskutieren, plädiert Jüngst dafür, schnell erste Prototypen zu bauen und reale Reaktionen zu testen. Ein konkretes Produkt schafft eine andere Gesprächsgrundlage als eine abstrakte Idee.
Mit zunehmender Größe wird Innovation schwieriger.
Ein Unternehmen muss gleichzeitig bestehende Produkte verbessern und neue Ideen entwickeln. Air Up organisiert diesen Prozess über unterschiedliche Innovationshorizonte.
Ein Teil der Produktteams arbeitet an kurzfristigen Verbesserungen. Andere beschäftigen sich mit längerfristigen Entwicklungen und neuen Produktfeldern.
Der Vorteil: Innovation entsteht nicht nur unter kurzfristigem Lieferdruck.
Teams können neue Ideen testen, ohne dass jedes Experiment sofort ein marktfähiges Produkt liefern muss. So entsteht Raum für mutigere Entwicklungen, ohne das operative Geschäft zu gefährden.
Air Up ist stark über den Direktvertrieb gewachsen. Der eigene Webshop ermöglichte eine direkte Beziehung zum Kunden, volle Kontrolle über Daten und eine klare Markenführung.
Doch mit zunehmender Reife änderte sich die Perspektive.
Ende letzten Jahres begann das Unternehmen, stärker in den stationären Handel zu gehen. Produkte sind inzwischen unter anderem in Supermärkten und Einzelhandelsketten erhältlich.
Rückblickend sagt Jüngst sogar, dass dieser Schritt vielleicht früher hätte passieren können.
Der Grund ist einfach: Viele Konsumenten kaufen Getränke oder Zubehör spontan im Handel nach. Retail kann deshalb nicht nur ein zusätzlicher Vertriebskanal sein, sondern ein wichtiger Bestandteil des gesamten Geschäftsmodells.
Ein klassisches Dilemma für Gründer lautet: Wann ist ein Produkt bereit für den Markt?
Air Up stand vor einer besonderen Herausforderung. Als physisches Produkt ist die Entwicklung deutlich aufwendiger als bei Software. Kleine Testproduktionen sind oft kaum möglich, weil Werkzeuge und Produktionsanlagen hohe Investitionen erfordern.
Deshalb musste das Team früh entscheiden, ob es vollständig in die Produktion investiert.
Rückblickend war diese Entscheidung riskant – aber erfolgreich.
Heute testet Air Up neue Ideen deutlich früher und mit kleineren Experimenten. Doch auch hier bleibt eine grundlegende Erkenntnis: Innovation erfordert manchmal den Mut, Entscheidungen zu treffen, bevor alle Daten vorliegen.
Lena Jüngst ist Co-Founderin und Chief Evangelist von Air Up. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelte sie eine Technologie, die Wasser über Duft geschmacklich erlebbar macht, ganz ohne Zucker oder klassische Zusatzstoffe. Air Up hat damit eine eigene Produktkategorie geschaffen und sich in wenigen Jahren zu einer der bekanntesten Consumer-Brands aus Deutschland entwickelt. Heute erreicht das Unternehmen über zehn Millionen Kundinnen und Kunden und erwirtschaftet mehr als 200 Millionen Euro Umsatz.

Was passiert, wenn ein Ex-Finanzbeamter erst den Marktführer aufbaut und ihn dann selbst abschafft? Warum tickt die Steuerberatung plötzlich wie ein Finanzmarkt und was bleibt übrig, wenn KI ins Spiel kommt? Wie erlebt ein Gründer diese Transformation persönlich und warum schreibt sonst kaum jemand darüber?
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