Ein Gespräch über medizinisches Wissen im KI-Zeitalter, Entscheidungsunterstützung für Ärzte und die Frage, warum gute Medizin oft mehr mit Fragen als mit Antworten zu tun hat.

Host: Dr. Roger Gothmann
Co-Founder & CEO von TAXDOO


Wie trifft ein Arzt eigentlich gute Entscheidungen?

Für Außenstehende wirkt Medizin oft wie ein Feld klarer Antworten. In Wirklichkeit ist sie häufig von Unsicherheit geprägt: Symptome können auf verschiedene Ursachen hindeuten, Studien liefern unterschiedliche Ergebnisse und medizinisches Wissen wächst schneller, als ein einzelner Mensch es vollständig überblicken kann.

Genau hier setzt AMBOSS an.

Das Unternehmen entwickelt eine Plattform, die medizinisches Wissen strukturiert aufbereitet und Ärztinnen und Ärzten genau in dem Moment zur Verfügung stellt, in dem sie Entscheidungen treffen müssen. Heute nutzen weltweit über eine Million Mediziner die Plattform und AMBOSS gehört mit über 240 Millionen Euro eingesammeltem Kapital zu den am besten finanzierten HealthTech-Unternehmen Deutschlands.

In dieser Folge von Skin in the Game spricht Host Dr. Roger Gothmann mit Dr. Sievert Weiss, Mitgründer und Medical Director von AMBOSS, über die Zukunft medizinischer Entscheidungsunterstützung, künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen und darüber, warum Ärzte im KI-Zeitalter vielleicht weniger allwissend wirken müssen als früher.


Wie Ärzte Entscheidungen treffen

Für Patienten ist es oft schwer zu beurteilen, ob ein Arzt wirklich gut ist.

Viele greifen auf indirekte Kriterien zurück: Man fühlt sich wohl in der Praxis, der Arzt nimmt sich Zeit oder erklärt Dinge verständlich. Doch ob tatsächlich die richtigen medizinischen Entscheidungen getroffen wurden, lässt sich von außen meist kaum beurteilen.

Dabei ist genau das der Kern guter Medizin.

Ärzte müssen aus Symptomen, Befunden und Wahrscheinlichkeiten Entscheidungen ableiten. In vielen Fällen gibt es nicht nur eine mögliche Diagnose, sondern mehrere Hypothesen, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Besonders in Situationen wie der Notaufnahme, in denen Entscheidungen schnell getroffen werden müssen, wird diese Komplexität deutlich.

Die Herausforderung wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass medizinisches Wissen kontinuierlich wächst. Studien verändern Therapieempfehlungen, neue Medikamente kommen auf den Markt und Leitlinien werden regelmäßig aktualisiert.

Schätzungen zufolge verdoppelt sich medizinisches Wissen heute etwa alle 73 Tage.

Für einzelne Ärztinnen und Ärzte wird es damit immer schwieriger, alles im Blick zu behalten.


Die Idee hinter AMBOSS

AMBOSS entstand aus genau diesem Problem.

Die Gründer bereiteten sich gemeinsam auf das medizinische Staatsexamen vor und stellten fest, dass vorhandene Lernmaterialien oft unübersichtlich oder veraltet waren. Gleichzeitig merkten sie, wie hilfreich es war, sich Inhalte gegenseitig zu erklären.

Aus dieser Erfahrung entstand die Idee, medizinisches Wissen digital aufzubereiten und so zugänglich zu machen, dass es sowohl im Studium als auch im klinischen Alltag genutzt werden kann.

Heute begleitet AMBOSS viele Nutzer über einen langen Zeitraum ihres beruflichen Lebens.

Medizinstudierende nutzen die Plattform zur Examensvorbereitung. Assistenzärzte greifen im Klinikalltag darauf zurück, wenn sie Diagnosen überprüfen oder Therapieoptionen vergleichen. Fachärzte verwenden sie, um Leitlinien oder aktuelle Studien schnell nachzuschlagen.

Die Plattform wird damit zu einer Art kontinuierlichem Begleiter im Berufsleben von Medizinern.


Wissen und Entscheidungen verschmelzen

Eine zentrale Frage im Gespräch ist der Unterschied zwischen Wissensvermittlung und Entscheidungsunterstützung.

Auf den ersten Blick scheint beides klar getrennt: Lernen passiert im Studium oder in Fortbildungen, Entscheidungen dagegen im klinischen Alltag.

In der Praxis verschwimmen diese Grenzen jedoch.

Ein Arzt kann sich abends auf dem Sofa mit einem Krankheitsbild beschäftigen und in Ruhe Studien lesen. In einer Notaufnahme dagegen muss er innerhalb weniger Minuten entscheiden, welche Diagnose wahrscheinlich ist und welche Untersuchungen notwendig sind.

AMBOSS versucht, beide Situationen zu unterstützen.

Einerseits als Wissensplattform, andererseits als Werkzeug für sogenannte Clinical Decision Support – also Systeme, die Ärzten helfen, medizinische Entscheidungen strukturiert zu treffen.

In Deutschland nutzt laut Weiss inzwischen etwa jeder dritte bis vierte Arzt AMBOSS aktiv, häufig genau in solchen Situationen.


Wie Entscheidungsunterstützung funktioniert

Wichtig ist dabei ein entscheidender Punkt: AMBOSS trifft keine Entscheidungen.

Die Plattform liefert strukturierte Informationen, Leitlinien und mögliche diagnostische Schritte. Die konkrete Entscheidung bleibt immer beim Arzt.

Ein Beispiel ist ein Patient mit Brustschmerzen.

Dieses Symptom kann viele Ursachen haben – von harmlosen Muskelproblemen bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen wie einem Herzinfarkt. Ein Arzt muss daher verschiedene Hypothesen prüfen und bestimmte Diagnosen möglichst schnell ausschließen.

AMBOSS unterstützt dabei, indem es typische diagnostische Abläufe und relevante Informationen bereitstellt. Der Arzt kann diese mit der konkreten Situation vergleichen und seine Entscheidung darauf aufbauen. Der Unterschied zwischen Wissensplattform und Entscheidungsunterstützung ist damit weniger klar, als es zunächst scheint. Im Kern geht es immer darum, Informationen so aufzubereiten, dass sie in der Praxis anwendbar sind.


Medizin zwischen Regulierung und Innovation

Der Gesundheitsmarkt ist einer der am stärksten regulierten Märkte überhaupt.

Neue Technologien können daher nicht einfach ohne weiteres eingeführt werden. Sobald Software direkten Einfluss auf medizinische Entscheidungen hat, kann sie als sogenanntes Medical Device gelten und unterliegt entsprechenden Zulassungsverfahren.

Das schützt Patienten – verlangsamt aber auch Innovation.

Gleichzeitig zeigt sich im Gesundheitswesen ein paradoxer Zustand: Während viel über künstliche Intelligenz und digitale Transformation gesprochen wird, arbeiten viele Ärzte noch immer mit sehr analogen Prozessen.

Faxgeräte gehören in manchen Kliniken noch zum Alltag.

Diese Diskrepanz zeigt, wie groß der Abstand zwischen technologischem Potenzial und tatsächlicher Umsetzung im Gesundheitssystem noch ist.


Der Burggraben von AMBOSS

Für AMBOSS liegt der wichtigste Wettbewerbsvorteil in seiner Datenbasis.

Über viele Jahre hat das Unternehmen eine umfangreiche medizinische Wissensdatenbank aufgebaut – erstellt und geprüft von Ärzten. Rund ein Drittel der etwa 500 Mitarbeiter sind selbst Mediziner. Dieses Fachwissen fließt direkt in die Produktentwicklung ein. 

Neben der Datenbasis spielt auch die Nähe zum Nutzer eine wichtige Rolle. Produktmanager, Entwickler und Ärzte arbeiten eng zusammen, um Funktionen zu entwickeln, die tatsächlich im Alltag funktionieren.

Dieser Ansatz unterscheidet sich von vielen Softwarelösungen im Gesundheitsbereich, die eher für administrative Prozesse als für medizinische Arbeit entwickelt wurden.


Die Rolle von KI in der Medizin

Ein großes Thema im Gespräch ist natürlich künstliche Intelligenz.

Sprachmodelle und Machine-Learning-Systeme verändern derzeit viele Branchen – auch die Medizin. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Rolle spezialisierte Plattformen wie AMBOSS in Zukunft spielen werden.

Für Weiss liegt die Antwort in der Qualität der zugrunde liegenden Daten.

Große Sprachmodelle können Informationen aus dem Internet verarbeiten, doch medizinische Entscheidungen müssen auf verlässlichen Quellen basieren. Leitlinien, Studien und klinische Erfahrungen müssen korrekt eingeordnet werden.

Genau hier sieht AMBOSS seine Rolle: als strukturierte Wissensbasis, auf der auch KI-gestützte Anwendungen aufbauen können. Statt nur Inhalte bereitzustellen, entwickelt das Unternehmen bereits Funktionen, mit denen Ärzte komplexe Fragen direkt in natürlicher Sprache stellen können.


Warum KI Ärzte nicht ersetzen wird

Immer wieder wird diskutiert, ob künstliche Intelligenz Ärzte irgendwann ersetzen könnte. Weiss sieht diese Entwicklung deutlich skeptischer. Medizin besteht nicht nur aus Analyse und Diagnose. Viele Entscheidungen hängen von individuellen Faktoren ab: Alter, Lebensumstände oder persönliche Präferenzen eines Patienten.

Ein Beispiel ist eine Krebsbehandlung.

Eine Therapie kann statistisch die Lebenserwartung verlängern, gleichzeitig aber schwere Nebenwirkungen verursachen. Ob ein Patient diese Behandlung möchte, lässt sich nicht allein durch Daten entscheiden. Solche Entscheidungen entstehen im Gespräch zwischen Arzt und Patient.

KI kann dabei unterstützen, sie kann Informationen strukturieren oder Wahrscheinlichkeiten berechnen. Die eigentliche Entscheidung bleibt jedoch eine menschliche.


Vom Mediziner zum Unternehmer

Auch persönlich hat der Weg von Sievert Weiss eine interessante Entwicklung genommen.

Eigentlich studiert man Medizin, um Arzt zu werden. Unternehmertum gehört in der Regel nicht zu den typischen Karrierewegen.

Die Idee zu AMBOSS entstand während der Examensvorbereitung eher zufällig. Erst später entschieden sich die Gründer, dem Projekt tatsächlich zwei Jahre Zeit zu geben und zu sehen, ob daraus ein Unternehmen entstehen könnte.

Dieses Experiment entwickelte sich schließlich zu einem globalen HealthTech-Unternehmen.

Weiss glaubt, dass gerade Gründer aus Fachbereichen wichtige Innovationen vorantreiben können. Sie kennen die Probleme ihres Marktes aus eigener Erfahrung und erkennen oft schneller, wo neue Lösungen notwendig sind.


Gründen mit Freunden

AMBOSS wurde von fünf Mitgründern aufgebaut, die sich bereits aus Studium und Ausbildung kannten.

Eine solche Konstellation hat Vorteile – etwa ein hohes Vertrauensniveau – bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Entscheidungen müssen gemeinsam getroffen werden, Konflikte lassen sich nicht immer vermeiden.

Im Fall von AMBOSS scheint das Modell bisher gut zu funktionieren. Viele der Gründer sind auch nach mehr als zehn Jahren noch im Unternehmen aktiv und arbeiten weiterhin eng am Produkt.


Neue Märkte: Von Ärzten zur Pflege

Neben Ärzten arbeitet AMBOSS inzwischen auch stärker mit anderen Gesundheitsberufen.

Ein Beispiel ist der Bereich Pflege.

Auch hier gibt es großen Bedarf an Weiterbildung, strukturierter Wissensvermittlung und digitalen Tools. Gleichzeitig unterscheidet sich dieser Markt deutlich von der Ärzteschaft.

Das bedeutet, dass Produkte und Ansprache teilweise neu gedacht werden müssen.

AMBOSS versucht, diese Expansion schrittweise umzusetzen – oft mit kleineren Teams, die neue Bereiche zunächst als eine Art „Schnellboot“ innerhalb der bestehenden Organisation testen.


Über den Gast

Dr. Sievert Weiss ist Mitgründer und Medical Director von AMBOSS. Nach seinem Medizinstudium entwickelte er gemeinsam mit seinem Team eine Plattform, die medizinisches Wissen strukturiert aufbereitet und Ärzten im klinischen Alltag zur Verfügung stellt. Heute nutzen über eine Million Mediziner weltweit AMBOSS für Studium, Weiterbildung und klinische Entscheidungen. Das Unternehmen gehört mit mehr als 240 Millionen Euro eingesammeltem Kapital zu den führenden HealthTech-Unternehmen Europas.

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