Ein Gespräch über künstliche Intelligenz im Legal Tech, neue Geschäftsmodelle für Kanzleien und die Realität hinter der Transformation vom Anwalt zum Tech-Gründer.

Host: Dr. Roger Gothmann
Co-Founder & CEO von TAXDOO


Warum ist der Markt für Rechts- und Steuerberatung riesig, aber technologisch noch immer überraschend fragmentiert?

Pascal Di Prima, Jurist, ehemaliger Großkanzlei-Partner und heute Co-Founder und CEO des Legal-Tech-Unternehmens Lexemo, hat darauf eine klare Antwort: Nicht die Technologie war lange das Problem, sondern Strukturen, Anreizsysteme und die Denkweise vieler Kanzleien.

In der aktuellen Folge von Skin in the Game spricht er mit Host Dr. Roger Gothmann darüber, warum künstliche Intelligenz den Rechtsmarkt grundlegend verändern wird, weshalb kleinere Kanzleien plötzlich neue Chancen bekommen und welche Fehler viele Gründer machen, wenn sie aus klassischen Expertenrollen in die Startup-Welt wechseln.


Der Markt für Rechts- und Steuerberatung ist enorm groß. Schätzungen reichen, je nach Definition, von rund fünfzig bis hin zu über hundert Milliarden Euro allein im deutschsprachigen Raum.

Trotz dieser Größe blieb technologische Innovation lange erstaunlich langsam.

Für Pascal Di Prima liegt ein zentraler Grund in der Struktur vieler Kanzleien. Entscheidungen werden häufig in Partnerschaften getroffen, in denen kurzfristige wirtschaftliche Interessen eine große Rolle spielen.

Wenn ein Partner heute investieren soll, bedeutet das oft unmittelbar geringere Ausschüttungen. Der mögliche Nutzen technologischer Investitionen zeigt sich dagegen häufig erst Jahre später.

Gerade ältere Partner haben deshalb oft wenig Anreiz, größere Transformationen anzustoßen.

Hinzu kommt eine kulturelle Komponente: Juristische Arbeit ist traditionell stark risikoavers organisiert. Fehler können Haftungsrisiken bedeuten, weshalb neue Technologien häufig skeptisch betrachtet werden.

Diese Kombination aus Struktur und Kultur hat Innovation im Rechtsmarkt lange verlangsamt.


Warum KI die Regeln des Marktes verändert

Mit dem Aufkommen moderner KI-Modelle verändert sich dieses Gleichgewicht jedoch.

Viele der zugrunde liegenden Technologien – etwa große Sprachmodelle – sind inzwischen relativ leicht zugänglich geworden. Unternehmen können sie über APIs oder Plattformen vergleichsweise günstig nutzen.

Dadurch verschiebt sich die entscheidende Frage: Nicht mehr die Technologie selbst entscheidet über Erfolg oder Misserfolg, sondern die Fähigkeit, sie sinnvoll in konkrete Prozesse zu integrieren.

Gerade hier sieht Di Prima enormes Potenzial.

Denn wenn Technologie zunehmend zur Commodity wird, gewinnen andere Faktoren an Bedeutung: Branchenwissen, Datenzugang und ein tiefes Verständnis für die tatsächlichen Arbeitsprozesse in Kanzleien oder Rechtsabteilungen.

Wer diese Faktoren kombiniert, kann Lösungen entwickeln, die deutlich mehr sind als einfache Automatisierungstools.


Von Einzellösungen zu Plattformen

Ein Teil des Legal-Tech-Marktes hat lange auf sehr spezialisierte Tools gesetzt.

Viele Startups konzentrierten sich auf ein einzelnes Problem – etwa Dokumentenanalyse, Vertragsprüfung oder Due-Diligence-Automatisierung. Diese Lösungen konnten zwar einzelne Arbeitsschritte effizienter machen, hatten jedoch oft begrenzte Skalierungsmöglichkeiten.

Di Prima sieht darin ein strukturelles Problem.

Wenn jedes Tool nur eine kleine Aufgabe löst, bleibt es für Kanzleien ein optionales Zusatzprodukt. Wirkliche Transformation entsteht jedoch erst dann, wenn Technologie tiefer in Arbeitsprozesse integriert wird.

Genau deshalb verfolgt sein Unternehmen einen anderen Ansatz: eine Plattform, auf der sich unterschiedliche juristische Workflows modellieren und automatisieren lassen.

Dieser Ansatz ist allerdings erklärungsbedürftiger.

Während ein spezialisiertes Tool leicht zu verstehen ist, verlangt eine Plattform mehr Vorstellungskraft. Kunden müssen erkennen, welche Prozesse sie selbst darauf abbilden können.


Warum Prozesse im Rechtsmarkt so schwer zu digitalisieren sind

Ein weiterer Grund für die langsame Digitalisierung liegt laut Di Prima in der Ausbildung vieler Juristen.

Juristische Arbeit wird meist problemorientiert gedacht: Ein konkreter Sachverhalt wird analysiert und anschließend rechtlich bewertet. Dieser Ansatz ist hervorragend geeignet, um komplexe Einzelfälle zu lösen.

Für Prozessdenken ist er jedoch weniger hilfreich.

Technologie erfordert oft genau diese Perspektive: Wie lassen sich wiederkehrende Aufgaben standardisieren? Welche Schritte lassen sich automatisieren? Wo entstehen Schnittstellen zwischen verschiedenen Systemen?

In vielen Kanzleien existiert dieses Wissen durchaus, allerdings nicht immer dort, wo Entscheidungen getroffen werden.

Interessanterweise sind es häufig Assistenzen oder operative Mitarbeiter, die Arbeitsabläufe besonders gut kennen. Sie erleben täglich, welche Prozesse repetitiv sind und wo Automatisierung sinnvoll wäre.

Für Legal-Tech-Unternehmen kann es deshalb entscheidend sein, nicht nur mit Partnern, sondern auch mit operativen Teams zu sprechen.


Die Grenzen des KI-Hypes

Gleichzeitig erlebt auch die KI-Branche ihre typischen Innovationszyklen.

Nach einer Phase enormer Erwartungen folgt oft eine Phase der Ernüchterung. Viele Nutzer merken, dass KI-Systeme nicht sofort perfekte Ergebnisse liefern.

Für Di Prima ist das jedoch kein Problem – im Gegenteil.

Kein Anwalt arbeitet fehlerfrei, argumentiert er. Entscheidend ist vielmehr, dass KI-Systeme Prozesse effizienter machen und Menschen unterstützen.

Gerade einfache Anwendungen wie Chatbots können dabei helfen, ein erstes Verständnis für die Technologie zu entwickeln. Sie senken die Einstiegshürde und zeigen Anwälten, wie KI im Alltag funktionieren kann.

Der wirkliche Wert entsteht jedoch an anderer Stelle: in komplexeren Workflows, bei denen mehrere Arbeitsschritte automatisiert werden und Mandanten direkt eingebunden sind.


Die Kanzlei der Zukunft

Langfristig könnte sich die Struktur vieler Kanzleien deutlich verändern.

Di Prima erwartet, dass künstliche Intelligenz insbesondere repetitive Aufgaben reduziert, Tätigkeiten, die heute häufig von jungen Associates übernommen werden.

In manchen Bereichen könnten Kanzleien künftig mit deutlich kleineren Teams arbeiten, weil KI große Teile der vorbereitenden Analyse übernimmt.

Gleichzeitig entstehen neue Chancen.

Gerade kleinere und mittelständische Kanzleien könnten durch Technologie Mandate bearbeiten, die bisher nur großen internationalen Kanzleien möglich waren. Wenn komplexe Analysen automatisiert werden, sinkt die Eintrittshürde für anspruchsvolle Projekte.

Damit wird Technologie zu einem strategischen Hebel im Wettbewerb.


Warum Domainwissen entscheidend bleibt

Trotz aller Fortschritte bleibt für Di Prima eine Sache unverändert wichtig: Fachwissen.

Selbst wenn KI viele Aufgaben automatisiert, braucht es weiterhin Experten, die Ergebnisse bewerten, interpretieren und in einen rechtlichen Kontext einordnen.

Besonders bei sensiblen Themen wie Compliance, Regulierung oder Vertragsgestaltung bleibt menschliche Expertise unverzichtbar.

Der entscheidende Unterschied liegt künftig darin, wie dieses Wissen eingesetzt wird.

Statt Routineaufgaben zu erledigen, könnten Juristen stärker als strategische Berater arbeiten, unterstützt von Technologien, die ihnen repetitive Arbeit abnehmen.


Vom Anwalt zum Startup-Gründer

Ein besonders persönlicher Teil des Gesprächs dreht sich um Di Primas eigenen Karrierewechsel.

Der Schritt von einer Großkanzlei in die Startup-Welt bedeutete eine radikale Veränderung der Arbeitsrealität. In einer Kanzlei sind Prozesse klar strukturiert. Verantwortung ist verteilt, Risiken sind überschaubar und viele Entscheidungen folgen etablierten Mustern.

Ein Startup funktioniert völlig anders.

Gründer müssen ständig mit Unsicherheit umgehen. Entscheidungen werden schneller getroffen, oft auf Basis unvollständiger Informationen. Gleichzeitig müssen Produkte früh getestet werden, selbst wenn sie noch nicht perfekt sind.

Für Di Prima war genau das eines der wichtigsten Learnings.


Warum Perfektion im Startup ein Problem ist

Juristen sind darauf trainiert, Lösungen vollständig auszuarbeiten, bevor sie präsentiert werden. 

In der Startup-Welt kann dieser Ansatz zum Problem werden. Di Prima beschreibt offen, wie sein Team mehrere Monate an einem Produkt arbeitete, das am Ende kaum Nachfrage hatte. Der Grund war einfach: Sie hatten zu spät mit potenziellen Kunden gesprochen.

Erst später wurde klar, wie wichtig frühes Feedback ist.

Produkte müssen nicht perfekt sein, um getestet zu werden. Im Gegenteil: Wer zu lange wartet, riskiert, an Problemen zu arbeiten, die für Kunden gar nicht relevant sind.

Diese Erkenntnis gehört zu den häufigsten Lektionen vieler Gründer.


Warum Gründer nah am Produkt bleiben sollten

Ein weiteres Thema im Gespräch ist die Rolle von Gründern in wachsenden Unternehmen.

Mit zunehmender Teamgröße entsteht schnell die Gefahr, dass Gründer den direkten Kontakt zum Produkt verlieren. Neue Abteilungen, Prozesse und Hierarchien können dazu führen, dass Entscheidungen stärker abstrahiert werden.

Di Prima versucht bewusst, das zu vermeiden.

Er beteiligt sich weiterhin an Produktdiskussionen, testet neue Features und führt selbst Produktdemos mit Kunden durch. Diese Nähe hilft ihm, Probleme schneller zu erkennen und neue Ideen direkt aus Nutzerfeedback abzuleiten.

Für viele Tech-Gründer bleibt dieser Kontakt zum Produkt ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit.


Entrepreneurship ist kein Glanzbild

Di Prima spricht offen über die emotionalen Herausforderungen des Gründens. Zwischen Euphorie und Zweifel liegen oft nur wenige Stunden. An einem Tag fühlt sich alles nach Wachstum und Erfolg an. Kurz darauf entstehen Unsicherheiten über Wettbewerb, Finanzierung oder strategische Entscheidungen.

Dieser Wechsel gehört für viele Gründer zum Alltag.

Um damit umzugehen, hat Di Prima für sich einfache Strategien entwickelt – etwa regelmäßige Meditation oder bewusstes Abschalten zwischen intensiven Arbeitsphasen.

Solche Routinen helfen, das Gedankenkarussell zu unterbrechen und sich wieder auf die nächsten konkreten Schritte zu konzentrieren.


Über den Gast

Pascal Di Prima ist Jurist und Co-Founder sowie CEO des Legal-Tech-Unternehmens Lexemo. Zuvor arbeitete er viele Jahre als Anwalt und Partner in internationalen Wirtschaftskanzleien mit Schwerpunkt auf Banken- und Aufsichtsrecht. Mit Lexemo entwickelt er heute eine Plattform, mit der Kanzleien und Rechtsabteilungen komplexe juristische Prozesse automatisieren und digitale Rechtsprodukte erstellen können. Sein Fokus liegt darauf, juristisches Fachwissen mit moderner KI-Technologie zu verbinden und so neue Arbeitsweisen im Rechtsmarkt zu ermöglichen.

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