Taxdoo · Dossier
Die Steuerberatung wird gerade zum Zielmarkt für Private Equity. Mit Milliardeninvestments, Plattformstrategien und neuen Strukturen verändert sich eine bislang stabile Branche grundlegend.

In weniger als 18 Monaten haben internationale Private-Equity-Investoren über zwei Milliarden Euro in den deutschen Markt für Steuerberatungsgesellschaften investiert. Schätzungen zufolge haben bereits 15 bis 20 % der Steuerkanzleien Beteiligungen aufgenommen oder prüfen entsprechende Optionen. Plattformen wie Afileon treiben diese Entwicklung durch gezielte Zukäufe aktiv voran.
Parallel dazu verändert sich die regulatorische Grundlage: Das Fremdbesitzverbot im Steuerberatungsgesetz steht zunehmend im Fokus der politischen Debatte. Obwohl eine Verschärfung im März 2026 zunächst abgelehnt wurde, bleibt die rechtliche Unsicherheit ein zentraler Faktor für Investoren und Kanzleien.
Typisch für Private-Equity-Strukturen in der Steuerberatung sind Beteiligungen über EU-Auslandsgesellschaften – insbesondere in Luxemburg, den Niederlanden oder Belgien. Dabei investieren Finanzinvestoren nicht direkt in Steuerberatungsgesellschaften, sondern in vorgeschaltete Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Diese Konstruktion ermöglicht es, regulatorische Einschränkungen zu umgehen und dennoch Einfluss auf den deutschen Markt zu nehmen.
Die Strategien der Investoren unterscheiden sich:
Zentrale These vieler Investoren: Technologie und generative KI können die Produktivität in der Steuerberatung signifikant steigern – insbesondere in größeren, zentral organisierten Einheiten.
Der Kern der Entwicklung liegt nicht primär im Markt – sondern im Betriebsmodell der Branche.
Viele Steuerkanzleien arbeiten heute noch nach einem klassischen Software-Ansatz: Tools unterstützen Prozesse, aber die eigentliche Leistung bleibt dezentral, individuell und stark personenabhängig.
Private Equity setzt auf ein anderes Modell: Service as a Software.

Das ist der eigentliche Hebel hinter vielen Deals: Nicht nur Wachstum durch Zukäufe, sondern die Transformation der Leistungserbringung selbst – hin zu standardisierten, technologiegestützten Prozessen mit zentraler Steuerung.
Genau hier entsteht Skalierbarkeit – und damit die Logik für Private Equity in der Steuerberatung.
Stand März 2026 zählen folgende Transaktionen zu den größten Private-Equity-Beteiligungen im Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsmarkt:
Zusätzlich verhandelt ICG aktuell über eine Mehrheitsbeteiligung an Baker Tilly Deutschland.
Diese Deals zeigen ein klares Muster: Der Markt für Steuerberatung wird zunehmend konsolidiert. Einzelne Kanzleien werden Teil größerer Plattformen mit einheitlichen Prozessen und zentraler Steuerung.
Das deutsche Steuerberatungsgesetz untersagt fachfremden Dritten die direkte Beteiligung an Steuerberatungsgesellschaften. Dieses Fremdbesitzverbot ist ein zentrales Element der Berufsordnung.
In der Praxis wird es durch internationale Holdingstrukturen teilweise umgangen. Private-Equity-Investoren nutzen Gesellschaften im EU-Ausland, um indirekt Beteiligungen an Kanzleien aufzubauen.
2024
Referentenentwurf § 55a StBerG
Das Bundesfinanzministerium legt einen Entwurf vor, der die Umgehung über EU-Auslandsholdings unterbinden soll.
Jan 2026
Koalition verzichtet auf Verschärfung
Die Regierungskoalition einigt sich darauf, die Rechtslage nicht zu verschärfen. PE-Beteiligungen bleiben über den bisherigen Umweg möglich.
6. Mär 2026
Bundesrat fordert Verbot
Fünf Bundesländer (Bayern, NRW, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein) bringen eine Empfehlung ein: PE-Beteiligungen an Steuerberatungsgesellschaften sollen ausgeschlossen werden. Bestandsschutz für bestehende Strukturen.
19. Mär 2026
Bundesregierung weist Bundesrat ab
Das Kabinett nimmt die Vorschläge des Bundesrats lediglich „zur Kenntnis“. Die Debatte geht jetzt in den Bundestag. Die SPD-Fraktion signalisiert Unterstützung für eine gesetzliche Klarstellung.
Offen
EU-Vertragsverletzungsverfahren
Seit 2018 läuft ein Verfahren der EU-Kommission gegen Deutschland wegen des Steuerberatungsgesetzes. Die Kommission kritisiert die widersprüchliche Struktur des deutschen Systems.
Ergebnis: Regulatorische Unsicherheit bleibt bestehen.
Der US-Markt gilt als Referenz für Private Equity in der Steuerberatung. Seit 2020 sind dort über 30 Milliarden US-Dollar in Accounting Firms investiert worden.
Die Parallelen sind deutlich:
Die Entwicklung ist jedoch weiter fortgeschritten:
Nicht alles ist übertragbar – insbesondere die regulatorischen Rahmenbedingungen unterscheiden sich.
Trotzdem zeigt sich: Die Richtung ist klar und Deutschland folgt zeitversetzt.
Die Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf Steuerberater, Kanzleien und Mandanten:
Für viele Kanzleiinhaber stellt sich damit erstmals eine strategische Grundsatzfrage: Unabhängigkeit bewahren – oder Teil einer Plattform werden?
Dr. Roger Gothmann als Gesprächspartner und Autor zum Thema Private Equity in der Steuerberatung.
Dr. Roger Gothmann gibt zu diesem Thema ein zweistündiges Seminar beim IFU Institut für Steuerberater.
Private Equity in der Steuerberatung: Fakten, Strukturen, Konsequenzen
Empirischer Überblick, rechtliche Konstruktionen, operative Logik der Investoren, Szenarien für Kanzleiinhaber und ein Blick auf den US-Markt als Referenz.

Dr. Roger Gothmann
Co-Founder & Geschäftsführer von TAXDOO
10+ Jahre Finanzverwaltung (u. a. Betriebsprüfer, BZSt). Promotion Uni Hamburg (Psychologie/Wirtschaftswiss.). Langjähriger Dozent an der Schnittstelle Steuerrecht, Technologie und Finanzmärkte. Gründungsmitglied TeCIT Club, Tech-Investor. Host des Podcasts und Newsletters Skin in the Game.
Seit 2025 analysiert Roger die Enwicklung von Private Equity in der Steuerberatung – unter anderem in Beiträgen für Handelsblatt, WirtschaftsWoche und FAZ.

Beteiligungen von Finanzinvestoren an Steuerberatungsgesellschaften oder deren Strukturen.
Fragmentierter Markt, stabile Nachfrage und Skalierungspotenzial durch Digitalisierung.
Direkt eingeschränkt durch das Fremdbesitzverbot, indirekt über internationale Strukturen möglich.
Mehr Wettbewerb, stärkere Konsolidierung und steigender Druck zur Standardisierung.