Verantwortung ist kein Feature. Sie ist das Geschäftsmodell

Roger-Gothmann
Dr. Roger Gothmann 5 min Lesezeit | 07.04.2026
Einleitung

Wer haftet, wenn KI Steuern und Buchhaltung effizienter und schneller macht? Ein Essay über Service as a Software, KI-Haftung und die Zukunft des Steuermarkts.

Über KI, Haftung im Steuerrecht und die Zukunft des Steuermarkts

Ein Unternehmer kann in Sekunden sehen, wie viele Besucher gerade auf seiner Website sind. Aber ob sein Geschäft heute profitabel ist, erfährt er oft erst Wochen später. Die Technologie, das zu ändern, existiert. KI kann heute den Großteil einer Buchhaltung in Echtzeit erstellen — tagesaktuell, über Ländergrenzen hinweg, für beliebig viele Transaktionen gleichzeitig.

Aber niemand will die Verantwortung für diese Zahlen übernehmen.

Genau in dieser Lücke — zwischen dem, was KI kann, und dem, wofür niemand haften will — entscheidet sich die Zukunft des Steuermarkts. In meinem neuen Essay „Verantwortung ist kein Feature. Sie ist das Geschäftsmodell.“ gehe ich der Frage nach, die Sequoia, Y Combinator und die großen Tech-Investoren nicht stellen: Wer übernimmt die Haftung, wenn die Arbeit nicht mehr vom Menschen, sondern von der Maschine kommt?

Was Sequoia richtig sieht — und was fehlt

Sequoia Capital hat Anfang März 2026 eine vielbeachtete These veröffentlicht: Das nächste Unternehmen mit einer Billionenbewertung wird nicht Software verkaufen, sondern die Arbeit selbst. Für jeden Dollar, den Unternehmen weltweit für Software ausgeben, geben sie sechs Dollar für Dienstleistungen aus. KI verwandelt die sechs Dollar zunehmend in Software.

Die These ist überzeugend. Von Y Combinator bis Andreessen Horowitz vertreten die großen VCs dieselbe Grundrichtung. Aber in Sequoias gesamtem Essay taucht das Wort Haftung praktisch nicht auf. Im Silicon Valley mag das nachrangig sein. Im Steuerrecht ist es die zentrale Frage.

Zusammen mit Dr. Markus Wollweber (Streck Mack Schwedhelm) habe ich in zwei Fachaufsätzen für die DStR und die REthinking:Tax die Haftungsfrage beim KI-Einsatz im Steuerrecht systematisch aufgearbeitet. Das Ergebnis: Die Verantwortung bleibt beim Menschen. Immer. Beim Finanzamt gibt es nur richtig oder falsch. Kein Modell der Welt übernimmt diese Verantwortung. Menschen schon.

Drei Kräfte, die gleichzeitig wirken

Der Steuermarkt wird gerade von drei Seiten gleichzeitig unter Druck gesetzt:

KI übernimmt die Intelligenzarbeit. 80 bis 90 Prozent der täglichen Arbeit in Steuerberatung und Buchhaltung sind regelbasiert, wiederholbar, dokumentiert — genau die Art von Arbeit, die KI am besten beherrscht. Was bleibt, ist das Urteilsvermögen: Erkennen, dass ein Buchungsmuster auf ein steuerliches Risiko hindeutet. Einen Mandanten beraten, nicht nur bedienen.

Regulierung beschleunigt den Wandel. Ab Juli 2028 greift mit ViDA die Single VAT Registration für die gesamte EU. Die E-Rechnungspflicht gilt bereits. Was jahrzehntelang manuelle Arbeit war, wird in digitale Infrastruktur überführt.

Private Equity konsolidiert den Markt. Über zwei Milliarden Euro haben KKR, EQT, Partners Group, Cinven und andere in den letzten 18 Monaten in deutsche Steuerkanzleien investiert. Allein Afileon hat über 100 Kanzleien übernommen. Die Konsolidierungswelle, die andere Branchen längst durchlaufen haben, trifft jetzt auf den reguliertesten Berufsstand im Markt.

Service as a Software: Ein Gegenmodell

Der Essay beschreibt ein Modell, das wir bei TAXDOO Service as a Software nennen. Nicht ein Tool, das man bedienen muss — sondern ein Ergebnis, das einfach da ist. Nicht Software as a Service, wo der Kunde die Software bedient und die Verantwortung trägt. Sondern das Gegenteil: Der Anbieter liefert das Ergebnis und steht dafür gerade.

Der Unterschied ist fundamental: Bei SaaS bekommt der Nutzer ein Werkzeug. Was das Werkzeug intern tut, bleibt eine Blackbox. Wenn das Finanzamt prüft, steht der Nutzer allein da. Bei Service as a Software ist die Kette eine andere: Daten fließen rein, die KI verarbeitet sie, Fachleute prüfen jedes Ergebnis — mit dem aggregierten Plattformwissen aus Tausenden von Mandanten. Und die Fachleute korrigieren die KI. Jede Korrektur fließt zurück ins System. Das ist kein statisches Tool. Das ist ein System, das mit jedem Mandanten klüger wird.

Wer Service as a Software anbietet, braucht nicht nur Technologie. Er braucht Fachleute, die haften. Fachwissen, Versicherung und Verantwortung — genau das, was KI allein nicht leisten kann.

Warum Skin in the Game keine Philosophie ist

Ich habe meine Verbeamtung auf Lebenszeit aufgegeben, als Vater von vier Kindern, weil ich überzeugt war, dass sich die Art, wie Unternehmen ihre steuerlichen Pflichten erfüllen, grundlegend verändern wird. Mit TAXDOO haben wir den europäischen Marktführer für Umsatzsteuer-Compliance im E-Commerce aufgebaut — und dann haben wir uns entschieden, dieses Kerngeschäft einzustellen. Bevor wir dazu gezwungen wurden.

Über die Zukunft eines Marktes kann man nur dann glaubwürdig sprechen, wenn man selbst im Risiko steht. Der Essay beschreibt, warum Sequoias These richtig, aber unvollständig ist: Das nächste große Unternehmen im Steuermarkt wird nicht nur die Arbeit verkaufen. Es wird die Verantwortung dafür übernehmen.


Den vollständigen Essay lesen

Der Essay „Verantwortung ist kein Feature. Sie ist das Geschäftsmodell.“ umfasst sieben Seiten und behandelt die Haftungsfrage beim KI-Einsatz im Steuerrecht, die PE-Konsolidierung des deutschen Steuermarkts, die Ecovis-Umfrage unter 1.500 Steuerberatern und das Modell Service as a Software im Detail.

→ Essay als PDF lesen


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Dr. Roger Gothmann ist Mitgründer & Geschäftsführer von TAXDOO. Ehemaliger Betriebsprüfer (Bundeszentralamt für Steuern). Zusammen mit Dr. Markus Wollweber (Streck Mack Schwedhelm) publiziert er zur Haftungsfrage beim KI-Einsatz im Steuerrecht (DStR, REthinking:Tax). Angel Investor (u.a. Personio, Xentral, Plancraft, n8n, Black Forest Labs). Podcast & Newsletter: Skin in the Game.

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