Warum wir unser Kerngeschäft einstellen – als Marktführer – und wie es weitergeht

Roger-Gothmann
Dr. Roger Gothmann 5 min Lesezeit | 03.03.2026

Wir befinden uns in einem der größten wirtschaftlichen Umbrüche seit der Digitalisierung. KI-Agenten übernehmen heute Aufgaben, für die gestern noch spezialisierte Software, Kanzleien und ganze Teams gebraucht wurden. Rechtsberatung. Steuer-Compliance. Buchhaltung. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell.

Dass diese Entwicklung längst keine Zukunftsmusik mehr ist, zeigt auch ein aktueller Beitrag im Handelsblatt. Darin beschreibe ich, wie Künstliche Intelligenz klassische Steuerarbeit im E-Commerce zunehmend ersetzt und wie KI in der Buchhaltung für ein Ende jahrzehntelanger Komplexität sorgen kann.

Gleichzeitig verändert auch die Regulierung den Markt grundlegend. Ab Juli 2028 automatisiert die EU die Umsatzsteuermeldungen über eine zentrale digitale Plattform und macht damit eine gesamte Kategorie von Softwarelösungen obsolet.

Zwei Kräfte, die gleichzeitig wirken. Und die zusammen eine klare Konsequenz haben.

Unternehmen, die das als Chance begreifen, werden diese Dekade prägen. Die anderen werden von ihr überrollt.

Wir haben uns entschieden, auf der richtigen Seite dieser Verschiebung zu stehen. Auch wenn das bedeutet, unser Kerngeschäft einzustellen. Als Marktführer. Mit rund 3.000 Kunden. Und 14,5 Milliarden Euro abgewickeltem Umsatz im E-Commerce.

Das ist keine leichte Entscheidung. Aber es ist die richtige. Dieser Blogpost erklärt, warum und wohin die Reise geht.


Ein Schnitt, der fällig war

Wer TAXDOO kennt, weiß: Wir haben uns in den vergangenen Jahren als Marktführer für Umsatzsteuer-Services im europäischen E-Commerce etabliert. Für rund 3.000 Händler automatisieren wir die Abführung der Umsatzsteuer, wenn sie Produkte in andere europäische Länder verkaufen. Kunden wie L’Oréal Deutschland, Ankerkraut, Purelei und Snocks vertrauen auf uns.

Und doch: Dieses Geschäft stellen wir Ende April ein.

Der Grund ist ein regulatorischer. Ab Juli 2028 führt die EU eine zentrale digitale Plattform für Umsatzsteuermeldungen ein, die den gesamten Prozess automatisiert – und damit zusätzliche Umsatzsteuerdienstleistungen wie unsere weitgehend überflüssig macht. Was für Onlinehändler eine Vereinfachung ist, ist für unser bisheriges Geschäftsmodell eine Zäsur.

Was viele nicht wissen: Wir waren selbst in die Entwicklung dieser Reformen involviert. Wir haben das kommen sehen. Und genau deshalb haben wir nicht gewartet.

In Managementbüchern liest sich das immer elegant: stetige Transformation, kontinuierliche Anpassung, evolutionärer Wandel. Klingt vernünftig. Klingt sicher. Klingt nach einem Plan. Aber die Realität sieht anders aus. Echte Transformation beginnt selten mit kleinen Schritten. Sie beginnt mit einem radikalen Schnitt – oft dann, wenn es fast zu spät ist.

Irgendwann mussten wir uns eine Frage stellen, auf die es keine elegante Antwort gibt: Wie erklärt man einem Team, warum es weiter an einem Produkt arbeiten soll, das in zwei Jahren niemand mehr braucht? Man kann es nicht. Und man sollte es auch nicht versuchen. Daher fokussieren wir uns vollständig auf das Thema KI in der Buchhaltung und stellen Onlinehändlern ab sofort eine vollständige Buchhaltung (inkl. aller Zahlungen, Eingangs- und Ausgangsrechnung und sonstiger Geschäftsvorfälle) in Echtzeit zur Verfügung.


Unsere Kunden stehen nicht allein

Eine Entscheidung dieser Tragweite bedeutet auch Verantwortung gegenüber unseren Kunden. Wer seinen Umsatzsteuer-Compliance-Prozess auf Taxdoo aufgebaut hat, braucht eine verlässliche Lösung für die Zeit danach – und genau die haben wir sichergestellt.

Als neuen Partner für Umsatzsteuer-Compliance empfehlen wir Marosa. Marosa ist einer der führenden europäischen Anbieter für tech-gestützte Umsatzsteuer-Services und E-Invoicing – mit über 1.200 Unternehmens- und E-Commerce-Kunden und einer Plattform, die VAT-Registrierungen, Meldungen und E-Invoicing in ganz Europa zentralisiert.

Wenn du dich mit der Frage beschäftigst, wie du deine Umsatzsteuer-Compliance in den kommenden Jahren effizient und zukunftssicher abbilden kannst, findest du hier weitere Informationen.

Warum Marosa? Weil die Richtung klar ist: Sowohl Umsatzsteuer als auch Buchhaltung entwickeln sich in Richtung Echtzeit. Marosa treibt genau das auf der Umsatzsteuerseite voran – mit Echtzeit-Reporting, automatisierter Datenverarbeitung und einem tiefen Verständnis der regulatorischen Anforderungen in Europa. Wir fokussieren uns auf die Buchhaltungsseite. Zwei spezialisierte Anbieter, die jeweils das tun, was sie am besten können – das ist für unsere Kunden die bessere Lösung als ein Generalanbieter, der beides mittelmäßig macht.

Wir arbeiten eng mit Marosa zusammen, um den Übergang für unsere Kunden so reibungslos wie möglich zu gestalten. Niemand bleibt im Regen stehen.


Das neue TAXDOO: KI-gestützte Buchhaltung für Onlinehändler

Unser nächstes Kapitel: Wir entwickeln KI-gestützte Buchhaltungslösungen, die speziell auf die Bedürfnisse von Onlinehändlern zugeschnitten sind. Das Ziel ist ein System, das einem Händler nicht erst am Monats- oder Quartalsende sagt, wie profitabel er ist – sondern jeden Tag.

Was das bedeutet: Echtzeit-Einblick in den eigenen Deckungsbeitrag. Keine Überraschungen beim Jahresabschluss. Eine Buchhaltung, die nicht Wochen hinterherhinkt, sondern mitläuft.

Die Nachfrage ist real. In einer Umfrage von Forrester Research unter Fachleuten aus dem Finanz- und Rechnungswesen in kleinen und mittleren Unternehmen gaben 70 Prozent der Befragten in Deutschland an, bis spätestens 2030 KI in ihre Buchhaltung integrieren zu wollen. 36 Prozent nannten Echtzeitdaten als zentrale Anforderung.

Wenn du sehen möchtest, wie diese neue Form der Buchhaltung konkret aussieht, kannst du dir hier einen ersten Eindruck verschaffen. 

Unseren Einstieg in dieses Geschäftsfeld haben wir bereits mit der Übernahme von Account Digital untermauert – einem Start-up, das automatisierte Buchhaltungslösungen auf Basis von KI entwickelt.


Warum wir trotzdem nicht blind auf KI vertrauen

Wir sind überzeugt von der Technologie. Aber wir sind nicht naiv.

Eine KI, die Buchhaltungsdaten für das Finanzamt liefert, muss eine andere Qualität erreichen als ein Chatbot, der Fragen beantwortet. Beim Finanzamt gibt es kein „ungefähr richtig“. Es gibt nur richtig oder falsch.

Deshalb: In den nächsten zwei bis drei Jahren wird jedes Ergebnis, das unsere KI produziert, von einem unserer rund 40 Steuerexperten geprüft, bevor es an Kunden geht. Wir bauen auf KI – aber mit menschlicher Kontrolle als Sicherheitsnetz, bis die Modelle die nötige Reife erreicht haben.


Was uns antreibt

Unser Investor Harry Nelis von Accel bringt es auf den Punkt:

„Marktführerschaft ist kein Schutzschild gegen den Wandel. In einer Ära, in der KI die Wertschöpfung grundlegend neu ordnet, entscheidet nicht der heutige Umsatz, sondern die radikale strategische Relevanz von morgen.“

Genau das ist unser Antrieb. Nicht der Applaus für einen mutigen Schritt – den gibt es selten. Nicht die Gewissheit, dass alles gut geht – die haben wir nicht. Sondern die Überzeugung, dass wir mit unserem Wissen über den E-Commerce, unserer Technologie und unserem Team die richtigen Voraussetzungen mitbringen, um diesen Markt neu zu gestalten.

Wir fangen gerade erst an.

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