Die deutsche Steuerberatung steckt in einer Identitätskrise. Private Equity, KI und Fachkräftemangel treffen gleichzeitig auf einen Berufsstand, dessen Selbstbild auf Unabhängigkeit, Beständigkeit und institutionellem Schutz gebaut ist. Eine psychologische Analyse.
Die Beratungsgesellschaft Ecovis – das zweitgrößte Steuerkanzlei-Netzwerk nach ETL in Deutschland – hat im Sommer 2025 rund 50.000 Steuerberater nach ihrer Haltung zu Private Equity befragt. Über 1.500 antworteten. Für eine solche Befragung ist das eine ungewöhnlich hohe Quote. Ein Ergebnis aus der Auswertung fasst die Lage besser zusammen als jede Statistik: Man sieht die Probleme, glaubt aber, selbst nur peripher betroffen zu sein.
49 Prozent sehen ausschließlich Risiken im Einstieg von Private Equity. Nur elf Prozent sehen Chancen. Und trotzdem beschäftigt sich nur ein Viertel regelmäßig mit dem Thema. Weniger als zehn Prozent informieren sich aktiv.
Das ist kein Widerspruch. Das ist kognitive Dissonanz. Man erkennt die Bedrohung, hält sie aber auf Abstand – weil die Alternative, sich damit auseinanderzusetzen, was sie für das eigene Leben bedeutet, emotional zu teuer wäre.
Der Berufsstand hat sein Selbstbild auf drei Pfeilern gebaut.
Erstens: Unabhängigkeit. Steuerberater sind „unabhängige Organe der Steuerrechtspflege“. Das steht nicht nur im Gesetz. Das steht in der Seele dieses Berufsstands. Es ist der Grund, warum Hartmut Schwab, Präsident der Bundessteuerberaterkammer, im Februar 2026 formulieren kann: Vertrauen dürfe nicht zur Handelsware auf internationalen Finanzmärkten werden. Schwab spricht von Verbraucherschutz. Aber er spricht auch von Identität.
Zweitens: Die DATEV als technologischer Gesellschaftsvertrag. Eine 1966 gegründete Genossenschaft, die Software und IT-Infrastruktur für fast die gesamte Branche bereitstellt. Nur Berufsträger als Genossen. Keine Fremdinvestoren. Der institutionalisierte Beweis, dass man niemanden von außen braucht.
Drittens: Beständigkeit. Steuerberater sind nicht in der Disruptions-Branche. Sie sind in der Verlässlichkeits-Branche. Fristen einhalten, Bescheide prüfen, Mandanten vor Überraschungen schützen. Die psychologische Währung dieses Berufsstands ist Stabilität.
Und genau in diese drei Pfeiler schlägt jetzt gleichzeitig der Blitz ein.
Private Equity kauft ein. EQT bei WTS, KKR bei ETL, Partners Group baut Afileon, Greenpeak gründet atania, Cinven geht mit Grant Thornton zusammen. Der psychologische Schock liegt nicht in den Deals selbst, sondern in der Frage, warum sie trotz des sogenannten Fremdbesitzverbots funktionieren – jener Regelung im Steuerberatungsgesetz, die verhindern soll, dass berufsfremde Kapitalgeber Anteile an Kanzleien halten. Die Investoren finden Wege: Holdingstrukturen, Stimmrechtsverzichte, kreative Verschachtelungen. Eine geplante Gesetzesnovelle sollte diese Umgehungen unterbinden. Der Regierungsentwurf ließ die Verschärfung dann fallen. Das Gefühl in der Branche: Die Mauer hat Risse. Und der Gesetzgeber weiß nicht, ob er sie reparieren oder einreißen soll.

KI automatisiert das Rückgrat. In fünf Jahren werden wir die vollautomatisierte Buchhaltung haben. Das Geschäftsmodell der großen Vier – Deloitte, EY, KPMG, PwC – erodiert: Eine KI, die selbständig recherchiert, Quellen zusammenführt und Gutachten-Entwürfe liefert, erledigt in Minuten, wofür ein Junior-Berater bisher drei Wochen brauchte. Der Deutsche Steuerberaterverband formuliert es ungewöhnt direkt: KI verändere nicht nur die Arbeit, sondern das Selbstverständnis des Berufsstands.
Der Fachkräftemangel frisst die Substanz. Kanzleien arbeiten am Limit. Und gleichzeitig kommen DATEV-Cloud-Migration, E-Rechnungspflicht, die EU-Verordnung ViDA (VAT in the Digital Age, die ab 2028 das europäische Umsatzsteuer-Reporting grundlegend umstellt), und die Frage, was Beratung eigentlich noch wert ist, wenn Maschinen die Vorarbeit in Minuten erledigen.
Die Reaktionen im Berufsstand sind keine Einheit. Es sind vier Haltungen, oft innerhalb derselben Person.
Verleugnung. Zwei Drittel haben sich mit PE bislang kaum beschäftigt. Klassisches Vermeidungsverhalten. Kein Zeichen von Borniertheit – sondern ein Zeichen von Überforderung.
Abwehr. Die einstimmige Resolution der Bundessteuerberaterkammer zum Erhalt des Fremdbesitzverbots im Herbst 2025 spricht Bände. Die Sprache verrät die Funktion: schützen, absichern, stärken, unterbinden. Es geht nicht um Gestaltung, es geht um Verteidigung einer bestehenden Identität. Bezeichnend: Dirk Rose, bis vor kurzem Vizepräsident der BStBK, verkaufte seinen Kanzleianteil an Afileon – also genau an eine jener PE-finanzierten Plattformen, über deren Zulässigkeit die Kammer gerade berät.
Ambivalenz. Wer doch Chancen sieht, nennt Digitalisierung und Nachwuchsgewinnung – genau die Probleme, die der Berufsstand seit Jahren nicht selbst löst. Die ehrlichste Antwort der ganzen Ecovis-Studie, frei übersetzt: Wir wissen, dass wir Hilfe brauchen. Wir wollen sie nur nicht von Leuten, denen wir nicht vertrauen.
Stille Kapitulation. In keiner Umfrage sichtbar, in Flurgesprächen allgegenwärtig: Ältere Partner, die ihre Kanzlei als Ausstiegsinstrument betrachten. Das Paradoxe: In den Daten war die Alterskohorte vor dem Ruhestand sogar skeptischer als die jüngeren. Öffentlich.
Der Berufsstand erlebt keine Krise der Regulierung und keine Krise der Technologie. Er erlebt eine Krise der Erzählung.
Jahrzehntelang lautete die Geschichte: Wir sind unabhängig. Wir sind geschützt. Wir machen das unter uns. Diese Geschichte war nie falsch. Aber sie war vollständig. Sie ließ keinen Platz für eine Fortsetzung.
Jetzt stehen drei Erzählungen im Raum:
Die Festung: Fremdbesitzverbot stärken, Investoren draußen halten. Erklärt aber nicht, woher das Kapital für die Transformation kommt.
Die Plattform: Konsolidierung, Skaleneffekte, Exit in fünf bis sieben Jahren. Kennt den Steuerberater nur als Produktionsfaktor.
Der Hybrid: Steuerberater als unternehmerischer Berater, der Technologie nutzt, statt von ihr genutzt zu werden. Das ist die Erzählung, die ich für die richtige halte. Aber sie ist die anstrengendste, weil sie keinen Schutzwall bietet und keinen Exit.
Die Unabhängigkeit ist nicht bedroht, weil KKR bei ETL einsteigt. Sie ist bedroht, wenn ein Steuerberater seinen Mandanten keine Antwort mehr geben kann, die besser ist als das, was eine KI in drei Minuten ausspuckt.
Der Seelenzustand der Steuerberatung im März 2026 ist der eines Berufsstands, der spürt, dass seine Identitätserzählung nicht mehr vollständig ist, aber noch keine neue hat. Das ist kein pathologischer Befund. Das ist der normale psychologische Preis von Transformation, die man sich nicht ausgesucht hat.
Was würde Jürgen Habermas zu alldem sagen? Und was würde ich ihm antworten? Im zweiten Teil dieser Reihe führe ich ein fiktives Streitgespräch mit dem größten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit – über Kolonisierung, Identität und die Frage, wer die Spielregeln bestimmt. Habermas vs. Gothmann: Ein Streitgespräch über die Zukunft der Steuerberatung
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