Zwei neue Hypes verändern gerade den Steuermarkt: Investoren kaufen Steuerkanzleien wie einst Amazon-Accounts – und gleichzeitig entsteht mit „Service as a Software“ ein völlig neues Beratungsmodell. Dieser Artikel erklärt, warum KI die Wertschöpfung in der Steuerbranche verschiebt, warum Kanzleien ins Visier geraten und wie Tech-Anbieter und Steuerprofis jetzt um die Zukunft ihrer Services konkurrieren.
Es gibt Hypes, die erkennt man erst im Rückspiegel. Und es gibt Hypes, bei denen man das Déjà-vu schon spürt, während sie entstehen. Wer sich an die goldenen Lockdown-Jahre des E-Commerce erinnert, weiß: Kaum boomte der Online-Handel, zogen Aggregatoren wie Thrasio, SellerX oder Razor los, um Amazon-Accounts aufzukaufen – oft in beeindruckendem Tempo, noch häufiger mit beeindruckenden Kapitalmengen.
Heute findet ein ähnlicher Mechanismus in einer völlig anderen Branche statt: Steuerkanzleien.
Investoren rollen das Segment auf, als wären es einst wieder skalierbare Amazon-Händler.
Steuerkanzleien sind in vielerlei Hinsicht das perfekte Ziel für ein Roll-up: stabile Nachfrage, wiederkehrende Umsätze, hohe Kundenbindung und eine technologische Ausgangslage, die deutliches Skalierungspotenzial verspricht.
Dass dieser Markt derzeit heiß ist, zeigen konkrete Beispiele:
Afileon hat nach aktuellen Schätzungen bereits über 200 Millionen Euro Jahresumsatz im Portfolio gebündelt. Doch die eigentliche Herausforderung beginnt erst jetzt: Wertschöpfung.
In Roll-up-Modellen sind die Low-Hanging-Fruits seit Jahren die gleichen:
1️⃣ Zentralisierung von HR-Prozessen
2️⃣ Zentralisierung von Marketing & Vertrieb
3️⃣ Harmonisierung des Tech-Stacks
Das ist sinnvoll und notwendig – aber es ist nicht das, was den Markt nachhaltig verändern wird. Vieles davon ist Basisarbeit. Vieles davon leisten die akquirierten Kanzleien ohnehin schon besser als der Durchschnitt.
Der wirklich große Hebel liegt woanders.
Kaum ein Begriff wird derzeit häufiger genannt – und gleichzeitig seltener verstanden – als Service as a Software (SaaS). Nicht zu verwechseln mit Software as a Service.
Es geht nicht darum, Software zu verkaufen.
Es geht darum, Dienstleistungen so zu verändern, dass sie sich wie Software verhalten.
Selbst für Experten ist derzeit schwer zu beantworten, ob generative KI überbewertet ist – oder ob sie schlicht noch nicht voll verstanden wird. Die Investitionen sind gewaltig. Die Erwartungen ebenfalls.
Umso erfrischender war die Ehrlichkeit des IBM-CEOs vor wenigen Wochen:
Er sagte offen, dass er – im Gegensatz zu Microsoft, Amazon oder Meta – mit KI-Investitionen zurückhaltend ist, weil unklar sei, welche sich tatsächlich auszahlen werden.
Aber: Er sagte auch: „KI wird nicht mehr weggehen. Die Frage ist nur: In welcher Form wird sie Wert schaffen?“
Diese Frage ist für die Steuerbranche zentral.
Noch spannender war die Aussage des Chefs von IBM Consulting. Seine Kernthese:
Beratung wird zur Softwareindustrie.
Statt PowerPoint und Projekten entstehen tausende agentische Module, die Aufgaben automatisiert ausführen – zuerst intern, später beim Kunden.
Der Name für diesen Shift: Service as a Software.
Es ist ein Wettrennen: Wer zuerst produktive Software liefert, ersetzt die anderen.
Ökonomisch kommt das nicht überraschend: IBM Consulting wächst seit zwei Jahren nicht. Gleichzeitig investieren Unternehmen Milliarden in eigene KI-Infrastruktur – und scheitern oft. 95 % aller GenAI-Projekte liefern laut MIT keinen finanziellen ROI.
Die logische Konsequenz: Unternehmen brauchen weiter Beratung – aber in Form skalierbarer Softwaremodule, nicht in Form von Projekten.
IBM selbst hat über 70 Funktionen agentisch automatisiert und nach eigenen Angaben 3,5 Milliarden USD eingespart.
LLMs sind Commodity geworden. Entscheidend ist: Wer baut die produktiven Anwendungen?
Statt klassischer Umsatzsteuerberatung kann künftig ein „Indirect Tax Agent“ folgende Schritte autonom ausführen:
Beratung wird zur Infrastruktur. Nicht zum Projekt. Die Umsatzsteuer-Boutique KMLZ arbeitet mit Celonis bereits an ähnlichen Modellen.
Nein. Zumindest nicht in der Tiefe, die nötig wäre, um Steuerfindungsprozesse vollständig autark zu automatisieren.
Deshalb bedeutet „Service as a Software“ heute etwas anderes:
Wir nutzen KI als Co-Pilot, um menschliche Arbeit massiv effizienter zu machen.
Wir übernehmen mit Taxdoo Accounting die Buchhaltung für Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen. Dabei setzen wir auf:
Das Ergebnis: Die Effizienz der Buchhalter hat sich innerhalb weniger Monate mehr als verdoppelt.
Das ist Service as a Software in der Realität von heute: Automatisierte Vorarbeit, menschliche Kontrolle, skalierbare Qualität.
Es gibt Zeichen, die darauf hinweisen, dass sich die Linien zwischen Steuerberatung und Technologie neu sortieren. Zwei Übernahmen der jüngeren Vergangenheit zeigen:
Tech-Anbieter kaufen demnach Dienstleister, um Plattformen für Services as a Software aufzubauen.
Damit stellt sich die Frage: Wem gehört die Zukunft – Steuerkanzleien oder Tech-Plattformen?
Die Antwort wird nicht über Technologie entschieden. Denn Technologie – LLMs, Modelle, Basistechnik – wird Commodity, also austauschbar.
Aus meiner Sicht hängt sie von vier Komponenten ab:
Wertschöpfung = Domänenwissen × Daten × Integration × Vertrauen
Diese vier Komponenten entscheiden darüber, wer den Steuermarkt der nächsten Dekade gestaltet.
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Sehr spannendes Thema, Danke fürs Teilen
Hier fehlt glaub noch was:
Taxdoo kauft accountDigital (bitte Link zum HB-Artikel einfügen)
Integral kauft Cleverlohn (bitte Link zum Finance-Forward-Artikel downloaden)
Vielen Dank auch für eure monatliche wertvolle Unterstützung.
Gruß
Carmen
Moin Carmen, vielen Dank und vielen Dank für den Hinweis! Ist bereinigt.
Viele Grüße
Roger Gothmann