Zwei neue Hypes im Steuermarkt: Werden Steuerkanzleien die neuen Amazon-Accounts? Und was bedeutet „Service as a Software“?

Roger-Gothmann
Dr. Roger Gothmann 5 min Lesezeit | 25.11.2025
Einleitung

Zwei neue Hypes verändern gerade den Steuermarkt: Investoren kaufen Steuerkanzleien wie einst Amazon-Accounts – und gleichzeitig entsteht mit „Service as a Software“ ein völlig neues Beratungsmodell. Dieser Artikel erklärt, warum KI die Wertschöpfung in der Steuerbranche verschiebt, warum Kanzleien ins Visier geraten und wie Tech-Anbieter und Steuerprofis jetzt um die Zukunft ihrer Services konkurrieren.

Es gibt Hypes, die erkennt man erst im Rückspiegel. Und es gibt Hypes, bei denen man das Déjà-vu schon spürt, während sie entstehen. Wer sich an die goldenen Lockdown-Jahre des E-Commerce erinnert, weiß: Kaum boomte der Online-Handel, zogen Aggregatoren wie Thrasio, SellerX oder Razor los, um Amazon-Accounts aufzukaufen – oft in beeindruckendem Tempo, noch häufiger mit beeindruckenden Kapitalmengen.

Heute findet ein ähnlicher Mechanismus in einer völlig anderen Branche statt: Steuerkanzleien.
Investoren rollen das Segment auf, als wären es einst wieder skalierbare Amazon-Händler.

Warum Steuerkanzleien jetzt ins Visier geraten

Steuerkanzleien sind in vielerlei Hinsicht das perfekte Ziel für ein Roll-up: stabile Nachfrage, wiederkehrende Umsätze, hohe Kundenbindung und eine technologische Ausgangslage, die deutliches Skalierungspotenzial verspricht.

Dass dieser Markt derzeit heiß ist, zeigen konkrete Beispiele:

  • limetax kauft aktiv Kanzleien zu. CEO Christoph Gamon war zuvor CFO des Amazon-Aggregators Razor.
  • Afileon, unterstützt von der Schweizer Partners Group, setzt ebenfalls auf ein bundesweites Kanzleien-Portfolio.
  • Insbesondere Kanzleien jenseits der 3-Millionen-Euro-Umsatzmarke berichten derzeit von einer wahren Anfrageflut.

Afileon hat nach aktuellen Schätzungen bereits über 200 Millionen Euro Jahresumsatz im Portfolio gebündelt. Doch die eigentliche Herausforderung beginnt erst jetzt: Wertschöpfung.

Die klassischen Hebel: wichtig, aber keine Gamechanger

In Roll-up-Modellen sind die Low-Hanging-Fruits seit Jahren die gleichen:

1️⃣ Zentralisierung von HR-Prozessen
2️⃣ Zentralisierung von Marketing & Vertrieb
3️⃣ Harmonisierung des Tech-Stacks

Das ist sinnvoll und notwendig – aber es ist nicht das, was den Markt nachhaltig verändern wird. Vieles davon ist Basisarbeit. Vieles davon leisten die akquirierten Kanzleien ohnehin schon besser als der Durchschnitt.

Der wirklich große Hebel liegt woanders.


Service (!) as a Software: Warum alle darüber reden – und was das für den Steuermarkt bedeutet

Kaum ein Begriff wird derzeit häufiger genannt – und gleichzeitig seltener verstanden – als Service as a Software (SaaS). Nicht zu verwechseln mit Software as a Service.

Es geht nicht darum, Software zu verkaufen.
Es geht darum, Dienstleistungen so zu verändern, dass sie sich wie Software verhalten.

Einordnung: Ist KI überbewertet? Oder unterschätzt?

Selbst für Experten ist derzeit schwer zu beantworten, ob generative KI überbewertet ist – oder ob sie schlicht noch nicht voll verstanden wird. Die Investitionen sind gewaltig. Die Erwartungen ebenfalls.

Umso erfrischender war die Ehrlichkeit des IBM-CEOs vor wenigen Wochen:
Er sagte offen, dass er – im Gegensatz zu Microsoft, Amazon oder Meta – mit KI-Investitionen zurückhaltend ist, weil unklar sei, welche sich tatsächlich auszahlen werden.

Aber: Er sagte auch: „KI wird nicht mehr weggehen. Die Frage ist nur: In welcher Form wird sie Wert schaffen?“

Diese Frage ist für die Steuerbranche zentral.

Der IBM-Perspektivwechsel: Beratung wird Software

Noch spannender war die Aussage des Chefs von IBM Consulting. Seine Kernthese:

Beratung wird zur Softwareindustrie.
Statt PowerPoint und Projekten entstehen tausende agentische Module, die Aufgaben automatisiert ausführen – zuerst intern, später beim Kunden.

Der Name für diesen Shift: Service as a Software.

Was heißt das?

  • Wertschöpfung wandert weg vom einzelnen Berater
  • … hin zu skalierbaren, autonomen Agenten, die dauerhaft arbeiten
  • Tech-Konzerne drängen ins Beratungsgeschäft, weil sie ihre Agentic-Lösungen direkt ausrollen können
  • Klassische Beratungen reagieren mit eigenen Plattformen

Es ist ein Wettrennen: Wer zuerst produktive Software liefert, ersetzt die anderen.

Ökonomisch kommt das nicht überraschend: IBM Consulting wächst seit zwei Jahren nicht. Gleichzeitig investieren Unternehmen Milliarden in eigene KI-Infrastruktur – und scheitern oft. 95 % aller GenAI-Projekte liefern laut MIT keinen finanziellen ROI.

Die logische Konsequenz: Unternehmen brauchen weiter Beratung – aber in Form skalierbarer Softwaremodule, nicht in Form von Projekten.

IBM selbst hat über 70 Funktionen agentisch automatisiert und nach eigenen Angaben 3,5 Milliarden USD eingespart.
LLMs sind Commodity geworden. Entscheidend ist: Wer baut die produktiven Anwendungen?

Beispiel aus der Umsatzsteuerwelt

Statt klassischer Umsatzsteuerberatung kann künftig ein „Indirect Tax Agent“ folgende Schritte autonom ausführen:

  • ERP- bzw. SAP-Transaktionen in Echtzeit prüfen
  • Risiken erkennen
  • länderspezifische Regeln anwenden
  • deklarationsfähige Daten erzeugen

Beratung wird zur Infrastruktur. Nicht zum Projekt. Die Umsatzsteuer-Boutique KMLZ arbeitet mit Celonis bereits an ähnlichen Modellen.

Und die Frage aller Fragen: Gibt es KI-Agenten heute schon?

Nein. Zumindest nicht in der Tiefe, die nötig wäre, um Steuerfindungsprozesse vollständig autark zu automatisieren.

Deshalb bedeutet „Service as a Software“ heute etwas anderes:

Wir nutzen KI als Co-Pilot, um menschliche Arbeit massiv effizienter zu machen.

Konkretes Beispiel: Taxdoo Accounting

Wir übernehmen mit Taxdoo Accounting die Buchhaltung für Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen. Dabei setzen wir auf:

  • erfahrene Buchhalter:innen
  • und KI als Co-Pilot

Das Ergebnis: Die Effizienz der Buchhalter hat sich innerhalb weniger Monate mehr als verdoppelt.

Das ist Service as a Software in der Realität von heute: Automatisierte Vorarbeit, menschliche Kontrolle, skalierbare Qualität.


Tax vs. Tech? Kommt es zum Verteilungskampf?

Es gibt Zeichen, die darauf hinweisen, dass sich die Linien zwischen Steuerberatung und Technologie neu sortieren. Zwei Übernahmen der jüngeren Vergangenheit zeigen:

  1. Taxdoo kauft accountDigital
  2. Integral kauft Cleverlohn

Tech-Anbieter kaufen demnach Dienstleister, um Plattformen für Services as a Software aufzubauen.

Damit stellt sich die Frage: Wem gehört die Zukunft – Steuerkanzleien oder Tech-Plattformen?

Die Antwort wird nicht über Technologie entschieden. Denn Technologie – LLMs, Modelle, Basistechnik – wird Commodity, also austauschbar.


Wo entsteht die eigentliche Wertschöpfung?

Aus meiner Sicht hängt sie von vier Komponenten ab:

Wertschöpfung = Domänenwissen × Daten × Integration × Vertrauen

  1. Domänenwissen: Wer versteht die steuerliche Logik wirklich?
  2. Daten: Wer hat Zugriff auf strukturierte, aktuelle Datenströme?
  3. Integration: Wer sitzt in den operativen Prozessen?
  4. Vertrauen: Wem überlassen Unternehmen ihre Finanzprozesse und -daten?

Diese vier Komponenten entscheiden darüber, wer den Steuermarkt der nächsten Dekade gestaltet.

1 Kommentar

  1. Carmen
    Carmen 28.11.2025 | 08:17

    Sehr spannendes Thema, Danke fürs Teilen

    Hier fehlt glaub noch was:
    Taxdoo kauft accountDigital (bitte Link zum HB-Artikel einfügen)
    Integral kauft Cleverlohn (bitte Link zum Finance-Forward-Artikel downloaden)

    Vielen Dank auch für eure monatliche wertvolle Unterstützung.
    Gruß
    Carmen

    Dr. Roger Gothmann
    Dr. Roger Gothmann 09.12.2025 | 11:15

    Moin Carmen, vielen Dank und vielen Dank für den Hinweis! Ist bereinigt.

    Viele Grüße
    Roger Gothmann

Verfasse einen Kommentar

Good to know: Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.
No Bullshit – Bitte halte dich an unsere Kommentarrichtlinien.

* Pflichtfelder

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Einmal kostenlos Anmelden.
Immer up to date bleiben.

Ob Umsatzsteuer-Compliance, Finanzbuchhaltung oder internationaler E-Commerce – mit unserem Newsletter bleibst du immer auf dem Laufenden und verpasst nichts mehr!

taxdoo_people_woman_smiling_blue_v4