Am 14. März 2026 starb Jürgen Habermas. Was hätte der bedeutendste deutsche Philosoph der Nachkriegszeit zur Identitätskrise der Steuerberatung gesagt? Ein fiktiver Diskurs – meine Gedanken, gebrochen durch seine Philosophie.
Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Reihe. Die psychologische Analyse des Steuerberatungsmarkts – kognitive Dissonanz, drei Identitätspfeiler, vier Reaktionsmuster – findet sich im ersten Teil: Steuerberatung auf der Couch: Die Psychologie einer Branche in der Transformation
Jürgen Habermas wurde 96 Jahre alt. Am 14. März 2026 ist er gestorben. Man könnte sich fragen: Was hat ein Frankfurter Philosoph mit dem deutschen Steuerberatungsmarkt zu tun?
Mehr als man denkt. Habermas hat sein Leben lang eine einzige Frage verfolgt: Was passiert, wenn die Logik von Geld und Macht in Bereiche eindringt, die eigentlich von Vertrauen und Verständigung leben? Er nannte das „Kolonisierung der Lebenswelt“. Er dachte dabei an Familien, an Bildung, an demokratische Öffentlichkeit.
Aber genau das beschreibt auch die Steuerberatung im März 2026. Ein Berufsstand, der sein Selbstverständnis auf Vertrauen, Unabhängigkeit und persönlicher Verantwortung aufgebaut hat – und in den jetzt Finanzinvestoren mit Renditeerwartung eintreten. Gleichzeitig automatisiert KI das, was bisher den Kern der täglichen Arbeit ausmachte. Und eine Kammer, die darauf mit einer Sprache antwortet, die nur Verteidigung kennt.
Habermas hätte dafür einen Begriff gehabt. Und er hätte eine unbequeme Frage gestellt: Führt der Berufsstand über seine Zukunft überhaupt einen echten Diskurs – oder nur zwei parallele Monologe?
Ich habe mir vorgestellt, wie dieses Gespräch gelaufen wäre.

Habermas: Herr Gothmann, Steuerberatung basiert auf Vertrauen, Unabhängigkeit, persönlicher Verantwortung. Das sind keine Marktwerte. Das sind Werte, die aus Verständigung entstehen. Wenn jetzt Finanzinvestoren mit Renditeerwartung in diesen Raum eintreten, dann passiert genau das, wovor ich seit 1981 warne: Geld und Macht dringen in einen Bereich ein, der von Vertrauen lebt. Ich habe das „Kolonisierung der Lebenswelt“ genannt.
Gothmann: Mit Verlaub, Herr Habermas – das klingt so, als wäre die Steuerberatung bisher ein vertrauensseliger Schutzraum gewesen. War sie nie. Steuerberater sind Unternehmer. Die kalkulieren Stundensätze, die führen Mitarbeiter, die verkaufen Dienstleistungen. Die Logik des Geldes war immer schon drin. Die Frage ist nicht, ob sie reinkommt. Die Frage ist: Wer bestimmt die Spielregeln?
Habermas: Und genau das ist mein Punkt. Wer bestimmt sie – und wie? Schauen Sie sich an, was gerade passiert. Die Kammer verabschiedet einstimmige Resolutionen. Die PE-Häuser bauen Holdingstrukturen, die rechtlich durchgehen. Beide Seiten handeln strategisch. Das ist kein Dialog. Das sind zwei Monologe.
Gothmann: Richtig. Die Kammer betreibt keinen Diskurs, die betreibt Identitätsverteidigung. Hören Sie sich die Sprache an: schützen, absichern, stärken, unterbinden. Das ist kein Gestalten. Das ist Mauerbau. Und gleichzeitig verkauft der Vizepräsident der BStBK seinen Kanzleianteil an genau eine jener PE-Plattformen, über die die Kammer gerade berät. Die Fassade hat Risse.
Habermas: Weil etwas sichtbar wird, das sonst im Verborgenen funktioniert: der Anspruch, unersetzbar zu sein. Jede Profession lebt davon. Niemand hinterfragt ihn – solange alles stabil bleibt. Aber wenn eine KI plötzlich Gutachten-Entwürfe liefert und Holdingstrukturen das Fremdbesitzverbot umgehen, dann steht dieser Anspruch plötzlich nackt da.
Gothmann: Und das ist der eigentliche Schmerz. Nicht der ökonomische. Der identitäre. Ein Steuerberater, der seit 25 Jahren Finanzbuchhaltungen erstellt, wird nicht durch KI arbeitslos. Aber er muss sich eine Frage stellen, die er noch nie beantworten musste: Was genau ist mein Beitrag, wenn eine Maschine in drei Minuten erledigt, wofür ich drei Tage brauche?
Habermas: Ich würde aber aufpassen, dass Sie daraus keine reine Fortschrittserzählung machen. 2025 wollte ein Technologieunternehmen ein KI-System zur Konfliktlösung nach mir benennen. Ich habe widersprochen. Menschliche Konflikte löst keine Maschine. Und die Frage, was ein Steuerberater wert ist, beantwortet auch keine.
Gothmann: Da sind wir uns einig. Deshalb halte ich auch nur eine der drei Erzählungen für tragfähig. Die Festung – Mauern hochziehen, PE draußen halten – funktioniert nicht, weil sie nicht erklärt, woher das Geld für die Transformation kommt. Die Plattform – Konsolidierung, Exit nach sieben Jahren – funktioniert nicht, weil sie den Steuerberater zum Produktionsfaktor degradiert. Bleibt der Hybrid: Steuerberater als Unternehmer, der Technologie nutzt, statt von ihr genutzt zu werden. Unbequem. Kein Schutzwall. Kein Exit. Aber der einzige Weg, der die persönliche Verantwortung bewahrt.
Habermas: Also muss der Berufsstand sich an Markt und Technologie anpassen, ohne dabei zu zerstören, was ihn im Kern ausmacht. Das geht nur, wenn er aufhört, in der Sprache der Verteidigung zu reden. Und anfängt, in der Sprache der Gestaltung zu denken.
Gothmann: Und das ist der Punkt, an dem wir mit Taxdoo ansetzen. Wir bauen unser Unternehmen gerade um – vom USt-Compliance-Marktführer hin zu KI-gestützter Echtzeit-Buchhaltung. Nicht, um den Steuerberater überflüssig zu machen. Sondern um ihm die Routinearbeit abzunehmen. Damit er Zeit hat für das, was keine Maschine kann: den Mandanten verstehen. Zusammenhänge erkennen. Verantwortung übernehmen.
Habermas: Das ist ein Versprechen. Ob es gehalten wird, zeigt sich nicht in der Technologie. Sondern in der Praxis. In dem, was Sie mit Nassim Taleb „Skin in the Game“ nennen.
Gothmann: Da haben wir uns gefunden.
Die vollständige psychologische Analyse des Steuerberatungsmarkts – mit der Ecovis-Studie, den drei Identitätspfeilern und vier Reaktionsmustern – findet sich hier: Steuerberatung auf der Couch: Die Psychologie einer Branche in der Transformation
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